Hörstörungen: vom Kleinkindalter bis zum Jugendlichen

Dr. Claudia Häußinger, Sprachheilpädagogin
Karen Reichmuth, Dipl.-Logopädin

Bausteine in der Therapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen (1936-KJ)
 
Die Sprachtherapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen stellt Sprachtherapeuten stets vor neue herausfordernde Aufgaben. Aufgrund der großen Heterogenität kindlicher Entwicklung im Zusammenhang mit einer Hörschädigung gestalten sich sowohl das Einschätzen der sprachlichen Fähigkeiten als auch die Auswahl geeigneter Ansätze und passenden Materials im sprachtherapeutischen Alltag oftmals schwierig. Zudem ist eine sensible und kompetente Herangehensweise in der Arbeit mit den Eltern sehr wichtig.
Dieses Seminar vermittelt Grundlagen der Sprachtherapie mit hörgeschädigten Kindern ab dem Kindergarten- bis ins Jugendalter. Die Basis hierbei bildet der Zusammenhang zwischen Hörstatus, Audiogramm und verschiedenen Hörhilfen. Ausgehend vom physiologischen Hör- und Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen bei hörenden Kindern werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Kindern mit einer Hörschädigung herausgearbeitet. Darauf aufbauend wird die Anwendbarkeit gängiger sprachdiagnostischer Verfahren diskutiert.
Der zweite Teil des Seminars befasst sich mit der Auswahl und der Anpassung sprachtherapeutischer Vorgehensweisen und Materialien an die besonderen Bedürfnisse hörgeschädigter Kinder nach dem Konzept „Die Wort- S(ch)atz- Lupe" (Häußinger 2017).  Das Konzept bietet aufgrund seines Baukastenprinzips und der Aufteilung in Basis-, Hilfs- und Therapiebausteine die Möglichkeit, die Therapie individuell an die heterogene Gruppe hörgeschädigter Kinder und auch Jugendlicher mit unterschiedlichsten Hör- und Lautsprachkompetenzen anzupassen. Der Hilfsbaustein „kompensatorische Hilfen" beinhaltet hierbei u.a. die Bausteine „Selbsthilfestrategien", „visuelle kompensatorische Hilfen: Einsatz von Gebärden, Absehen und Schrift" oder „angepasste Therapeutensprache". So kann die Therapie nicht nur für Kinder mit früh erkannter Hörschädigung und guter Versorgung ausgearbeitet werden, sondern lässt sich beispielsweise auch an die Bedürfnisse von Kindern mit starken Verzögerungen oder Problemen im (Laut-) Spracherwerb oder von Kindern mit Hörschädigung und zusätzlichem Förderbedarf anpassen. Durch die Erarbeitung und Erprobung der unterschiedlichen kompensatorischen Hilfen im Seminar wird anhand verschiedener Bausteine die Therapie in den Bereichen Hörtraining, Wortschatz und Grammatik skizziert.
Zudem werden immer wieder Bezüge zwischen theoretischen Grundlagen, der praktischen Arbeit mit den Kindern und der Beratung der Eltern hergestellt.
Fallbeispiele, Videoausschnitte und Gruppenarbeiten verstärken übergreifend den Theorie-Praxis-Bezug.
 
Kommunikationsorientiert-sprachspezifische Therapie bei Kleinkindern und Kindern mit Hörschädigung (1940-KC)
 
Immer mehr Kinder haben durch Früherkennung und -versorgung ihrer  Hörschädigung nach Neugeborenen-Hörscreening eine gute Chance auf eine erfolgreiche Lautsprachentwicklung. Diese vollzieht sich allerdings nicht ohne Hürden.
Das Seminar sensibilisiert Sprachtherapeuten für Stärken und spezifische, audiogen bedingte Stolpersteine der frühen Lautsprachentwicklung dieser Kinder mit Hörschädigung aller Schweregrade vom Kleinkind- bis ins frühe Schulalter (2-8 Jahre) (mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten/CI versorgt). Die Vorstellung der Sprachdiagnostik mithilfe spezifischer Untersuchungsverfahren anhand von Fallbeispielen und die gemeinsame Interpretation der Ergebnisse ermöglichen einen Einblick in Ähnlichkeiten und Unterschiede des Lautspracherwerbs im Vergleich zu dem hörender Kinder. Zusätzlich werden Indikatoren für günstige und abweichende Entwicklungsverläufe mit CI dargelegt.
Ein weiterer Schwerpunkt im Seminar liegt auf der Vermittlung  des sprachtherapeutischen Vorgehens zur lautsprachlichen Förderung sowie der kontinuierlichen Elternarbeit nach dem kommunikationsorientiert-sprachspezifischen Ansatz (Reichmuth 2017). Die Leitgedanken sind dabei einerseits, die Kinder bei den besonderen audiogen bedingten Herausforderungen des Lautspracherwerbs früh sprachtherapeutisch zu unterstützen und  andererseits, Eltern begleitend in ihrer Interaktion mit ihrem Kind zu stärken und zu entwicklungsangepasster Sprachanregung im Alltag zu beraten.
Das Konzept nutzt für die gezielte Sprachförderung zum einen bekannte Vorgehensweisen der Sprachtherapie. Zum anderen ergänzt es sie um spezifische Aspekte für Kinder mit Hörschädigung, zum Beispiel durch Verknüpfung sprachauditiver, phonologischer und morphologischer Förderung sowie durch Einsatz von Visualisierungshilfen und metasprachlichem Wissen. Das Vorgehen ist dabei alters- und entwicklungsspezifisch ausgerichtet.
Die Ableitung von Zielen aus der Diagnostik und das  Vorgehen in der Sprachtherapie sowie  Inhalte und Vorgehen in der Elternarbeit werden im Seminar praktisch erarbeitet und dargelegt. Zahlreiche Fallbeispiele auf  Video und Gruppenarbeit ermöglichen den Einblick in die Praxis und die Vernetzung mit der Theorie. Aspekte der Förderung der Identitätsentwicklung sowie Chancen und Grenzen von Inklusion lautsprachlich kommunizierender Kinder mit Hörschädigung werden beleuchtet.
Abschließend wird das frühzeitige Erkennen der Grenzen einer reinen Lautsprachförderung an Beispielen vermittelt und ein verantwortungsvoller Umgang damit diskutiert. Dazu wird ein kurzer theoretischer Überblick zur Gebärdensprache und Gebärden als Hilfsmittel in der Fachpädagogik und Sprachtherapie gegeben.
Weiterführende Informationen
Seminaranmeldungen sind telefonisch nicht möglich!
530,00 €

Freie Plätze !

    1936-KPC
    Köln
    08.-09.09.2019
    und
    05.-06.10.2019
     
    SO 10:00 - 17:30
    MO 09:00 - 16:30
    und
    SA 10:00 - 18:15
    SO 08:30 - 16:00
Dr. Claudia Häußinger studierte Sprachheilpädagogik an der...
Kurzbiographie: Dr. Claudia Häußinger, Sprachheilpädagogin
Dr. Claudia Häußinger studierte Sprachheilpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Von 2007 bis 2015 arbeitete sie in einer sprachtherapeutischen Praxis für hörgeschädigte Kinder und Erwachsene. Seit Ende 2015 ist Frau Häußinger in eigener sprachtherapeutischer Praxis in München tätig. Daneben unterrichtet sie als Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik an der LMU München das Fach „Sprachtherapeutische Arbeit mit hörgeschädigten Kindern und Erwachsenen" und an der Fachakademie für Heilpädagogik München das Fach „Sprachheilpädagogik". Im Rahmen ihrer praktischen sowie forschungsbezogenen Arbeit hat sie sich auf die Diagnostik und Therapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Hieraus entstand das Konzept „Die Wort-S(ch)atz-Lupe - Sprachtherapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen".
Kurzbiographie: Karen Reichmuth, Dipl.-Logopädin
Karen Reichmuth ist seit 1989 Logopädin. Vor und während ihres Studiums der Lehr- und Forschungslogopädie an der RWTH Aachen arbeitete sie therapeutisch mit der Spezialisierung im Bereich Kindersprache an der Beratungsstelle für Hörbehinderte in Berlin und in einer logopädischen Praxis in Aachen. Seit 1990 ist sie außerdem als Referentin und Dozentin tätig.  
Seit 2002 ist sie Diplom-Logopädin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und klinische Logopädin am Universitätsklinikum Münster (UKM- Abt. Phoniatrie und Pädaudiologie & Cochlear Implantat Centrum Münsterland), u.a. Mitarbeit in verschiedenen Forschungsprojekten zur Sprach- und Kommunikationsentwicklung und Förderung vor allem von Kindern mit Hörstörungen und Mehrfachbeeinträchtigungen sowie zur Rehabilitation nach Cochlea-Implantation bei Erwachsenen.
Karen Reichmuth hat die evidenzbasierte Frühintervention „Münsteraner Elternprogramm zur Kommunikationsförderung von Säuglingen und Kleinkindern mit Hörschädigung MEP" mitentwickelt (Reichmuth et al., 2013 & 2017; Glanemann et al., 2013 & 2016). Seit 2012 bietet sie zertifizierte Weiterbildungen im MEP für Fachkräfte in der Hörfrühförderung am UKM an. Gemeinsam mit ihren Kollegen entwickelte sie außerdem 2016 das Münsteraner Konzept zur modellgeleiteten Rehabilitation des Hörens nach Cochlea-Implantation bei Erwachsenen.
2017 veröffentlichte sie ihren kommunikationsorientierten-sprachspezifischen Ansatz zur Therapie von Kindern mit Hörschädigung, der eine Modifikation ihres ursprünglich kommunikationsorientierten und mehrdimensionalen Ansatzes darstellt.  
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